Verlässlich, nah, unverzichtbar
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Wenn wir an Orte mit Symbolcharakter in Österreich denken, fallen uns der Stephansdom oder Schloss Schönbrunn ein. Dabei gehören Apotheken zu den meistfrequentierten Anlaufstellen im ganzen Land. Etwa 600.000 Mal täglich suchen Menschen in Österreich Rat und Hilfe in der Apotheke – und finden Kompetenz, der sie vertrauen können.
In der fünften Folge von Dialog Gesundheit spricht Ulrike Mursch-Edlmayr, Präsidentin der Österreichischen Apothekerkammer und selbstständige Apothekerin über die Rolle der Apotheke im Gesundheitssystem – heute und in der Zukunft. Gemeinsam mit ihr beleuchtet Uta-Maria Ohndorf, warum es höchste Zeit ist, die Apotheke als unverzichtbaren Teil der Gesundheitsversorgung stärker in den Fokus zu rücken.
Auf einen Blick:
Der Mensch im Mittelpunkt: Persönlicher Kontakt, Vertrauen und niederschwelliger Zugang
Point-of-Care-Testing und Beiträge zu Prävention und Früherkennung
Apotheken als Versorgungsanker: wohnortnah und zugänglich
Digitale Brücken bauen: für bessere Zusammenarbeit
Vertrauensraum mit Systemrelevanz
In Österreich gibt es 1.470 öffentliche Apotheken: flächendeckend verteilt, oft im Zentrum des sozialen Gefüges zentral im Ort. Und obwohl sie so nah bei den Menschen sind, fehlt es vielfach an offizieller Anerkennung ihrer Rolle als wesentlicher Teil des Versorgungsteams. „Wir werden oft unterschätzt“, sagt Ulrike Mursch-Edlmayr. Während viele Menschen Apotheken als reine Ausgabestellen für Medikamente sehen, ist ihr tatsächlicher Beitrag deutlich vielschichtiger. Apotheken sind erste Anlaufstelle bei Symptomen, Ratgeber bei Unsicherheiten, Koordinatoren bei Wechselwirkungen und nicht zuletzt verlässlicher Teil eines engmaschigen Versorgungsnetzes.
Ihre Rolle hat sich in den letzten Jahren stetig, aber grundlegend gewandelt. Besonders sichtbar wurde das in der Pandemie: Corona-Tests, Impfpass-Ausstellungen, medizinische Aufklärung – all das wurde vielerorts nicht im Spital oder bei Ärzt:innen erledigt, sondern in der Apotheke des Vertrauens.
Auch darüber hinaus haben sich Apotheken profiliert: etwa durch ihre Unterstützung der zunehmend wichtigen Selbstmedikation, der persönlichen Beratung bei chronischen Erkrankungen wie Diabetes oder Bluthochdruck oder durch die Begleitung von Patient:innen mit Polymedikation, also der Einnahme mehrerer Arzneimittel.
Auch wenn Apotheken bereits als Bestandteil des Versorgungssystems fungieren, mangelt es weiterhin an einer klaren institutionellen und rechtlichen Verankerung innerhalb des interprofessionellen Netzwerks. Apotheken könnten weit mehr leisten, wenn sie systematisch in Versorgungsprozesse eingebunden würden – etwa bei Medikationsanalysen, im Entlassungsmanagement nach Krankenhausaufenthalten oder bei der Betreuung chronisch kranker Personen. Diese Perspektive aus der Standesvertretung findet zunehmend Unterstützung. Denn sie macht sichtbar, worum es eigentlich geht: Versorgungslücken schließen, Qualität sichern, Ressourcen sinnvoll nutzen.
„Wir sind Gesundheitslotsen durch das System. Wir müssen nur strategisch mitgedacht werden.” – Ulrike Mursch-Edlmayr.
Lokal und interprofessionell
Was bei Digitalisierung und Systemoptimierung nicht verloren gehen darf, ist der persönliche Kontakt. Apotheken sind – besonders in ländlichen Regionen – häufig die zentrale Anlaufstelle für Gesundheitsfragen und begleiten Menschen oft über viele Jahre hinweg. Dort, wo Hausärzt:innen fehlen oder Kliniken weit entfernt sind, übernehmen sie wichtige Aufgaben in der Grundversorgung.
Außerdem betont Mursch-Edlmayr, dass Apotheken längst als Teil eines Versorgungssystems agieren, das auf Zusammenarbeit basiert. Interprofessionelle Kooperation – also das koordinierte Zusammenspiel zwischen Apotheker:innen, Ärzt:innen, Pflegepersonal und anderen Gesundheitsberufen – wird immer entscheidender. Denn niemand kann komplexe Gesundheitsfragen allein lösen.
Nicht zuletzt geht es auch um Vertrauen: Für viele ist die Apotheke der Ort, an dem sie Gehör finden. Ohne Termin und ohne Hürde. Gerade in einem Gesundheitssystem, das zunehmend auf Effizienz und Struktur setzt, bleibt die Apotheke ein Raum für Nähe, Zeit und Vertrauen. Und genau das macht sie für viele Menschen zu einem sicheren Anker in unsicheren Momenten.
„Die Apotheken sind praktisch das Bindeglied zwischen Hightech und Hausverstand.” – Uta-Maria Ohndorf.
Neue Aufgaben, neue Chancen
Mit dem technologischen Wandel verändern sich auch die Erwartungen an Apotheken. Ulrike Mursch-Edlmayr erzählt: Kund:innen informieren sich oft digital, aber nicht immer richtig. Gleichzeitig steigt der Wunsch nach schneller, persönlicher und qualitätsgesicherter Information. Die Apotheke erfüllt hier eine zunehmend wichtige Rolle. Dabei geht es nicht nur um Medikamente, sondern auch um Prävention, Lebensstil und Therapieentscheidungen.
Die Digitalisierung bietet dabei enorme Chancen für die bessere Verzahnung aller Beteiligten im Gesundheitswesen, doch bislang sind die technischen Möglichkeiten häufig ungenutzt oder nicht praxistauglich. Zwar existieren Systeme wie das e-Rezept oder die elektronische Gesundheitsakte, doch der Alltag zeigt, dass viele Informationen zwischen Berufsgruppen nicht reibungslos geteilt werden können. Apotheker:innen zeigen auf, dass sie oft keinen vollständigen Zugriff auf relevante Daten haben, die Dokumentation sich meistens mühsam gestaltet und die Abstimmung mit anderen Berufsgruppen nach wie vor über analoge Kanäle erfolgt. Dabei könnte eine gut funktionierende digitale Infrastruktur nicht nur die Versorgung verbessern, sondern auch Zeit und Ressourcen sparen.
Laut Ulrike Mursch-Edlmayr sind Apotheker:innen hochqualifiziert und bereit, mehr Verantwortung zu übernehmen – etwa durch Point-of-Care-Tests, telemedizinische Unterstützung oder die Mitwirkung an Impfprogrammen. Doch diese Leistungen müssen gesetzlich ermöglicht und finanziell abgebildet werden.
„Ärzt:innen sollten sich bewusst sein, dass die Apotheken ihre größten Zuweiser sind. Das würde sich nicht ändern, sondern mehr werden.” – Ulrike Mursch-Edlmayr.
Hybride Zukunft
Der Wandel in der Gesundheitsversorgung ist längst spürbar: durch demografische Veränderungen, durch medizinischen Fortschritt und durch veränderte gesellschaftliche Erwartungen. Was jetzt gebraucht wird, ist ein gemeinsames Verständnis dafür, dass Gesundheitsversorgung interdisziplinäre Teamarbeit ist. Das gilt besonders in einer Zeit, in der chronische Erkrankungen in der Bevölkerung zunehmen und Patient:innen auf verständliche und konsistente Informationen angewiesen sind.
Apotheken sind kein Nebenschauplatz, sondern ein zentraler Pfeiler der Versorgung in Österreich. Sie stehen für Nähe, Kompetenz, Verlässlichkeit und für ein System, das funktionieren muss, wenn es gebraucht wird.
Die Zukunft der Apotheke ist laut Ulrike Mursch-Edlmayr hybrid: persönlich und digital, beratend und informierend. Damit das gelingt, braucht es Rahmenbedingungen, die diese Rolle ermöglichen und eine Gesellschaft, die diesen Wert erkennt.
Denn am Ende geht es nicht nur um Strukturen oder Zuständigkeiten. Es geht darum, Menschen dabei zu unterstützen, möglichst viele Jahre ihres Lebens gesund zu verbringen – selbstbestimmt, gut begleitet und optimal versorgt.