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Wissenschaft als Prozess des Scheiterns und des Bessermachens

Mann lacht während Podcast Aufnahme

Uta-Maria Ohndorf spricht in der 10. Folge von "Dialog Gesundheit" mit Dr. Martin Moder, Molekularbiologe, Science-Buster und Träger des österreichischen Ehrenpreises für Gesundheitskompetenz. Gemeinsam diskutieren sie, warum Unsicherheit die größte Stärke der Wissenschaft ist und wie man sie der Öffentlichkeit näherbringt. Im Zentrum steht die Vermittlung wissenschaftlicher Prinzipien in einer Zeit voller Falschinformationen, Skepsis und künstlicher Intelligenz.

Auf einen Blick:

  • Frustrationstoleranz: Scheitern ist normal, Erfolge rar aber wertvoll.

  • Vertrauen in Institutionen:Trotz strenger Regulierungen und fundiertem Wissen bevorzugen viele Patient:innen den Rat von Chatbots.

  • Prävention braucht Integration: Schutzimpfungen und Vorsorgeuntersuchungen gehören genauso zu einem gesunden Lebensstil wie Sport und Ernährung

Frustrationstoleranz als Kern der Wissenschaft

Für Martin Moder ist Wissenschaft ein ständiges Balancieren am Rande des Wissens. Hypothesen werden oft erst nach jahrelanger Forschung widerlegt – und gerade das ist der Motor wissenschaftlicher Erkenntnis. Dinge, die zunächst nicht zum gewünschten Ergebnis führen, tragen langfristig entscheidend zum Fortschritt bei. Diese Logik beschrieb bereits Karl Popper in seiner Falsifikationstheorie: Wissenschaft schaltet subjektive Verzerrungen aus, indem sie Bestätigungen ignoriert.

Trotz zahlreicher misslungener Versuche und gescheiterter Experimente, bereut Moder seine Karriere in der Forschung nicht. Es ist der Reiz des Ungewissen und die seltenen Erfolge, die ihn in seiner Entscheidung immer wieder bestärken würden. „Zu wissen, ich bin der erste Mensch auf der Welt, der das weiß, ist ein großer Bonus“, unterstreicht Moder – ein Dopaminkick, der jahrelange Mühen belohnt.

Skepsis gegenüber Wissenschaft und Industrie

Die Wissenschaft basiert auf fundierten Daten, Zahlen und Erkenntnissen. Und dennoch: Nur 47 Prozent der Österreicher:innen empfinden Wissenschaftler:innen als vertrauenswürdig. Ebenso wird die Industrie skeptisch beäugt. Dabei ist diese maßgeblich dafür verantwortlich, dass die Erkenntnisse der Forschung schlussendlich auch beim Patienten ankommen und dieser davon profitieren kann.

Ein Grund für diese Skepsis ist fehlendes Involvement. Menschen möchten Prozesse nachvollziehen, ohne überfordert zu werden – eine Gratwanderung zwischen Transparenz und Vereinfachung. Hinzu kommt Unzufriedenheit mit Politik und Institutionen, die Misstrauen verstärkt. Dennoch betont Moder: 

„Ohne der Industrie bleibt die Grundlagenforschung wirkungslos." - Martin Moder

Falschinformationen und Daten-Paradoxe

Ein weiteres Problem: die schnelle Verbreitung von Falschinformationen. Österreichs strenger Datenschutz steht oft im Widerspruch zur Praxis: Regulierte Systeme wie ELGA werden hinterfragt, während Befunde bereitwillig auf ChatGPT hochgeladen werden. Moder erklärt dieses Paradoxon mit verzerrter Wahrnehmung.

Ein Paradebeispiel für hartnäckige Fehlinformationen ist der angebliche Zusammenhang zwischen Autismus und der MMR-Impfung (Mumps-Masern-Röteln). Moder erklärt: 

„Es gibt wenig, das in der Medizin so gut belegt ist, wie die Tatsache, dass diese Impfung nicht Autismus verursacht. Das ist inzwischen über 20 Jahre her – und nach wie vor eines der Hauptargumente gegen eine Impfung.“ - Martin Moder

Die Lösung: Starke Narrative, Zahlenkompetenz in Bezug auf medizinische Wahrscheinlichkeiten und präventive Aufklärung, bevor Fake News viral gehen. Vor allem letzteres gilt als schwieriges Vorhaben in Zeiten von Social Media, wo es Falschinformationen durch angsteinflößendes Storytelling immer leichter als gute Informationen haben.

Prävention: Wenig Nachfrage trotz Angebot.

Vorsorgeprogramme werden trotz Kostenübernahme häufig gemieden. Die verbreitete Logik: „Solang ich nicht zum Arzt gehe, ist alles gut.“ Dabei ist Reparaturmedizin oft zehnmal teurer als Präventionsmaßnahmen. Moder plädiert für Apps mit Erinnerungsfunktion, damit Routineuntersuchungen nicht im stressigen Alltag untergehen.

Ein gesunder Lebensstil umfasst nicht nur Ernährung und Bewegung, sondern auch das aktive Wahrnehmen von Vorsorgeuntersuchungen und Schutzimpfungen. Entscheidend ist daher ein Mindset-Shift: Prävention als Ergänzung, nicht als Belastung. Öffentliche Kampagnen könnten diesen Ansatz unterstützen, um multimorbide Risiken einer alternden Bevölkerung zu verringern – und so mehr gesunde Lebensjahre zu gewinnen.