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Warum Diabetes mehr ist als ein Zuckerproblem

In Österreich leben rund 800.000 Menschen mit Diabetes. Trotzdem erreicht nur ein kleiner Teil der Betroffenen die empfohlenen Therapieziele. Das zeigt: Diabetes ist weit mehr als ein medizinisches Thema. Die Erkrankung betrifft Lebensqualität, Alltag und das gesamte Gesundheitssystem.

In der aktuellen Folge von Dialog Gesundheit spricht Uta-Maria Ohndorf mit Julia Mader, Internistin und Diabetesexpertin an der Medizinischen Universität Graz, über die Realität von Menschen mit Diabetes, die Rolle moderner Technologien und darüber, warum Prävention der entscheidende Hebel für die Zukunft ist.

Auf einen Blick:

  • Rund 3 Milliarden Euro pro Jahr werden in Österreich für Diabetes ausgegeben

  • Nur etwa 13 % der Betroffenen erreichen ihre Behandlungsziele

  • Eine frühe Behandlung verbessert die langfristige Gesundheit deutlich

  • Menschen mit Diabetes treffen täglich bis zu 180 zusätzliche Entscheidungen

  • Neue Technologien wie Sensoren oder digitale Zwillinge könnten die Versorgung grundlegend verändern

Wenn Diabetes unbemerkt bleibt

Eine der größten Herausforderungen: Diabetes entwickelt sich oft schleichend. Viele Menschen bemerken zunächst keine Symptome, obwohl die Blutzuckerwerte bereits erhöht sind. Das kann schwerwiegende Folgen haben. Denn Diabetes betrifft nicht nur den Zuckerstoffwechsel, sondern den gesamten Körper. Gefäße, Nerven und Organe können langfristig geschädigt werden.

Julia Mader erklärt:

„Wenn wir den Diabetes in den ersten sechs Monaten nach der Diagnose nicht gut einstellen, kann bereits innerhalb der nächsten fünf Jahre das Risiko für Herzinfarkt und Schlaganfall steigen.“

Früherkennung und rascher Therapiebeginn sind daher entscheidend.

Prävention statt Reparaturmedizin

Ein zentrales Thema des Gesprächs: Unser Gesundheitssystem greift oft erst dann ein, wenn bereits Schäden entstanden sind. Ein großer Teil der Diabeteskosten entsteht nicht durch die Behandlung selbst, sondern durch Folgeerkrankungen wie: Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Nierenschäden oder Nervenschäden.

Investitionen in Prävention zahlen sich daher doppelt aus - gesundheitlich und wirtschaftlich. Denn Gesundheit entsteht nicht erst im Krankenhaus, sondern im Alltag.

180 Entscheidungen täglich – Diabetes ist mentale Arbeit

Was oft unterschätzt wird: Diabetes bedeutet enorme mentale Belastung.

Menschen mit Diabetes - besonders bei Insulintherapie - treffen täglich zahlreiche zusätzliche Entscheidungen:

Was esse ich?

Wie viel Bewegung ist heute sinnvoll?

Wie wirkt sich Stress aus?

Muss ich Insulin anpassen?

Wie entwickelt sich mein Blutzucker?

Im Schnitt kommen so bis zu 180 gesundheitsrelevante Entscheidungen pro Tag zusammen. Das kann zu einem sogenannten Diabetes-Burnout führen - einem Zustand der Erschöpfung und Überforderung. Julia Mader betont deshalb:

„Psychologische Unterstützung sollte stärker in die Betreuung integriert werden.“

Technologie als Wegbereiter für eine neue Diabetesversorgung

Digitale Technologien machen das Leben mit Diabetes heute deutlich einfacher.

Moderne Sensoren

Glukosesensoren messen den Blutzucker kontinuierlich und zeigen Veränderungen in Echtzeit. Das hilft, Risiken früher zu erkennen und den Alltag sicherer zu gestalten.

Vorsicht bei Billigprodukten

Nicht jede Innovation ist sinnvoll. Gerade günstige Produkte aus dem Internet – etwa nicht-medizinische Glukosemessuhren – liefern teils unzuverlässige Werte oder vermitteln falsche Sicherheit.

Technologie hilft nur dann, wenn sie medizinisch geprüft und korrekt eingesetzt wird.

Der digitale Zwilling

Ein besonders spannender Zukunftsansatz ist der digitale Zwilling: ein virtuelles Modell eines Menschen, mit dem Therapien simuliert und Krankheitsverläufe berechnet werden können. Das könnte Diabetesmanagement künftig individueller, präziser und einfacher machen.

Gesundheit beginnt im Alltag

Diabetes entsteht nicht nur durch individuelle Entscheidungen, sondern auch durch äußere Rahmenbedingungen. Dazu zählen unter anderem gut ausgebaute Radwege, die Menschen dazu ermutigen, sich im Alltag mehr zu bewegen. Ebenso spielen verlässliche und gut erreichbare öffentliche Verkehrsverbindungen eine wichtige Rolle, da sie aktive Mobilität fördern und den Verzicht auf das Auto erleichtern können. Ein weiterer entscheidender Faktor: Zugang zu gesunden Lebensmitteln – etwa durch Supermärkte mit frischen Produkten oder lokale Märkte. Auch bewegungsfreundlich gestaltete Städte, die ausreichend Grünflächen, Gehwege und Freizeitmöglichkeiten bieten, tragen zur Gesundheit der Bevölkerung bei. Nicht zuletzt ist es wichtig, bereits in jungen Jahren Gesundheitsbildung zu vermitteln, damit Kinder und Jugendliche ein Bewusstsein für einen gesunden Lebensstil entwickeln.

Uta-Maria Ohndorf bringt es auf den Punkt:

„Gesundheit ist ein wirtschaftliches und infrastrukturelles Thema.“

Schon kleine Veränderungen im Alltag können dabei eine große Wirkung entfalten. Wer beispielsweise öfter die Treppe statt den Lift nimmt, integriert automatisch mehr Bewegung in seinen Tag. Auch kurze Wege lassen sich gut zu Fuß zurücklegen, was zusätzlich die körperliche Aktivität steigert. Ebenso wichtig ist eine ausgewogene und bewusste Ernährung, die den Körper mit allen notwendigen Nährstoffen versorgt. Ergänzt wird ein gesunder Lebensstil durch ausreichend Schlaf, der für Regeneration und Wohlbefinden unerlässlich ist.

Fazit: Mehr Lebensqualität ist möglich

Das Gespräch mit Julia Mader zeigt klar: Diabetes ist weit mehr als eine Diagnose.

Frühe Erkennung, konsequente Behandlung, moderne Technologien und bessere Prävention könnten viele Folgeerkrankungen verhindern und gleichzeitig Lebensqualität steigern.

Mehr gesunde Lebensjahre entstehen nicht erst im Krankenhaus.

Sie entstehen im Alltag.