Diagnostik, die den Unterschied macht
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Im Alltag der meisten Menschen spielt Labormedizin kaum eine Rolle – meist nur beim Abgeben einer Blutprobe oder ähnlichem. Was für viele nur ein kurzes Ereignis ist, ist in Wahrheit ein zentraler Pfeiler der Medizin: Die Labormedizin liefert essenzielle Daten und gilt als Grundlage für zahlreiche Diagnosen und Behandlungen.
In der aktuellen Folge von „Dialog Gesundheit“ spricht Uta-Maria Ohndorf mit Hans-Georg Mustafa, Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Laboratoriumsmedizin und Klinische Chemie in Salzburg, darüber, warum Diagnostik so viel mehr ist als Zahlen und Referenzbereiche auf Befundblättern– und weshalb sie ein Schlüssel zu mehr gesunden Lebensjahren sein kann.
Auf einen Blick:
Frühe Hinweise, klare Orientierung: Laborbefunde zeigen Veränderungen im Körper oft lange vor den ersten Symptomen und unterstützen gezielte Vorsorge- und Therapieentscheidungen.
Mehr Mut zu Innovation: Fortschritt gelingt nur, wenn neue Ansätze mutig umgesetzt und verständlich begleitet werden.
Blick in die Zukunft: Digitale Biomarker, KI und verständlich aufbereitete Befunde eröffnen neue Chancen für präzisere Diagnostik.
Geringe Kosten, große Wirkung
Rund 70 % aller medizinischen Entscheidungen basieren auf Laborwerten – gleichzeitig machen sie nur etwa 2 % der Gesundheitsausgaben aus. Für Mustafa unterstreicht das den zentralen Wert der Diagnostik. Wie frühzeitige Diagnostik wirkt, zeigt beispielsweise der digitale Biomarker für Lower Gastrointestinal, kurz LGI-Flag: ein KI-Algorithmus, der Blutbildwerte und demographische Daten kombiniert, um subtile Risikomuster zu erkennen. So lässt sich das individuelle Risiko für Erkrankungen des unteren Verdauungstrakts – besonders für ein mögliches Dickdarmkarzinom – früh einschätzen und gezielt abklären.
Laborbefunde als frühe Warnsignale
Mustafa berichtet über Fälle, in denen Laborbefunde Erkrankungen entdeckten, bevor Symptome auftraten. So kam ein junger Skirennläufer mit einem vermeintlichen Infekt ins Krankenhaus. Auffällige Blutwerte – unter anderem wenige Thrombozyten und viele unreife Blutzellen führten rasch und unerwartet zur Diagnose akute Leukämie. Auch vor immunmodulierenden Therapien zeigt sich oft erst im Labor, ob etwa eine latente Tuberkulose vorliegt – klinisch bleibt sie zunächst unauffällig. Für die Entscheidung über den Einsatz oder die Sicherheit solcher Therapien ist dieser Laborcheck jedoch zentral. Beide Beispiele verdeutlichen: Laborwerte zeigen Veränderungen im Körper früh an – lange bevor sie klinisch erkennbar sind.
Vorsorge braucht verständliche Kommunikation
Trotz guter Screeningprogramme nutzen viele Menschen Vorsorgeangebote nur unregelmäßig. Die Gründe dafür sind vielfältig, doch Mustafa betont vor allem die Bedeutung guter Aufklärung. Eine höhere Teilnahme gelingt vor allem dann, wenn Gesundheitspersonal im Alltag verständlich informiert, Fragen beantwortet und erklärt, welche Untersuchungen sinnvoll sind. Das Labor liefert dafür die nötigen Daten – doch entscheidend bleibt der persönliche Austausch, in dem Befunde nachvollziehbar erklärt und gemeinsam eingeordnet werden.
Mut zur Innovation
Mustafa beschreibt Österreich als ein Land mit großer Innovationskraft – von früheren technologischen Pionierleistungen bis zu modernen Entwicklungen wie digitalen Biomarkern. Ideen seien reichlich vorhanden, doch ihrer Umsetzung stehe oft übermäßige Vorsicht im Weg. Viele Innovationen verbleiben in Pilotprojekten, selbst wenn diese erfolgreich sind. Dahinter sieht Mustafa die Sorge, die Auswirkungen neuer Lösungen nicht vollständig einschätzen zu können. Sein Wunsch: mehr Mut, funktionierende Modelle schneller in die Versorgung zu bringen.
„Ich habe manchmal das Gefühl, dass wir mehr über die Gefahren als über die Möglichkeiten nachdenken.“ – Hans-Georg Mustafa
Technologie erweitert die Diagnostik
Auch technologisch verändert sich die Labormedizin rasant – vor allem durch den Einsatz künstlicher Intelligenz. Im Labor ist diese bereits im Einsatz– etwa zur Risikoberechnung oder zur schnellen Mustererkennung. Mustafa erzählt zudem von einem intern getesteten Chatbot, der auf Basis von Labordaten überraschend präzise Antworten liefern konnte. Dennoch betont er klare Grenzen: KI soll Fachpersonal unterstützen, nicht eigenständig Therapieempfehlungen geben. Patient:innen befinden sich in einer verletzlichen Situation und brauchen Orientierung. Deshalb sind strenge ethische Standards und gesetzliche Vorgaben unerlässlich.
„Man lässt KI nicht alleine arbeiten, sondern zieht sie als Unterstützung heran.” – Uta-Maria Ohndorf
Befunde im Wandel
Für Mustafa wird die Zukunft der Befunde deutlich digitaler: Elektronische Ergebnisse sind schneller verfügbar, leichter zu teilen und können verständlicher aufbereitet werden. Gleichzeitig warnt er vor Fehlinterpretationen: Ein Wert außerhalb des Referenzbereichs ist nicht automatisch ein Notfall und ein unauffälliger Befund schließt eine Erkrankung nicht immer aus. Die ärztliche Bewertung bleibt daher unverzichtbar. Digitale Aufbereitung soll Orientierung bieten, ohne unnötige Ängste zu erzeugen.
Mehr gesunde Lebensjahre beginnen mit guter Diagnostik
Das Gespräch macht deutlich, wie prägend die Labormedizin für die Gesundheitsversorgung ist. Sie erkennt Veränderungen früh, unterstützt präzise Therapieentscheidungen und eröffnet gemeinsam mit klassischen Laborwerten, digitalen Biomarkern und neuen Analyseverfahren die Chance, Erkrankungen rechtzeitig zu entdecken. Wenn Befunde verständlich erklärt werden und Patient:innen diese Werte einordnen können, entsteht Vertrauen – und die Grundlage für mehr gesunde Lebensjahre.