Forschungsstandort Österreich: Warum wissenschaftliche Exzellenz allein nicht ausreicht
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Österreich zählt zu den führenden Standorten für medizinische Forschung und Life Sciences. Doch der Wettbewerbsdruck nimmt zu.
International anerkannte Universitätskliniken, starke Forschungsnetzwerke, gezielte Förderprogramme und die enge Zusammenarbeit zwischen Wissenschaft und klinischer Praxis bieten ideale Voraussetzungen für Life Sciences in Österreich. Doch der Forschungsstandort gerät zunehmend unter Druck.
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Life Sciences: Motor für Wirtschaft und Gesundheit
Die österreichische Life-Sciences-Branche zählt zu den wichtigsten Zukunftsbranchen des Landes. Biotechnologie, Pharma und Medizintechnik erwirtschaften jährlich rund 40 Milliarden Euro und tragen 8,3 Prozent zur heimischen Bruttowertschöpfung bei.
Ihre Bedeutung geht jedoch weit über wirtschaftliche Kennzahlen hinaus. Medizinische Forschung hat die Gesundheitsversorgung in den vergangenen Jahrzehnten entscheidend verbessert. So liegt die Fünf-Jahres-Überlebensrate bei Brustkrebs heute bei rund 90 Prozent. Moderne Diabetestherapien senken das Risiko tödlicher Herz-Kreislauf-Komplikationen deutlich, und die HPV-Impfung reduziert das Risiko für Gebärmutterhalskrebs nahezu vollständig.
Wo echter Mehrwert entsteht
Diese Errungenschaften sind keine Selbstverständlichkeit. Sie werden möglich, wo Forschung, klinische Praxis und Innovation erfolgreich zusammenspielen. Genau hier gerät Österreich zunehmend unter Druck. Wie groß der Handlungsbedarf ist, wurde bei einer gemeinsamen Veranstaltung von Roche Austria und der Medizinischen Universität Wien im Wiener Josephinum deutlich, bei der Vertreter:innen aus Wissenschaft, Industrie und Gesundheitspolitik über die Zukunft des Forschungsstandorts diskutierten.
Schwachstelle zwischen Labor und Anwendung
Für Andrea Maier, Medical Director von Roche Austria, ist klar: „Wer im internationalen Wettbewerb bestehen will, muss wissenschaftliche Exzellenz auch in medizinische Anwendung und wirtschaftliche Wertschöpfung übersetzen.“
Gerade zwischen wissenschaftlicher Entdeckung und medizinischer Anwendung verliert Österreich zunehmend an Tempo und Wettbewerbsfähigkeit. Auch die anschließende Skalierung, Kommerzialisierung und wirtschaftliche Wertschöpfung finden häufig im Ausland statt, erklärt Stefan Sacu, Leiter der Augenklinik der MedUni Wien.
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Gute Startbedingungen, schwierige Skalierung
Eine ähnliche Einschätzung teilt Barbara Weitgruber, Leiterin der Sektion „Wissenschaftliche Forschung und internationale Angelegenheiten“ im Wissenschaftsministerium: Ausgründungen, Spinoff-Fellowship-Programme und Seedfinanzierungen schaffen gute Voraussetzungen für den Start innovativer Unternehmen. Die eigentliche Herausforderung beginnt jedoch danach: Viele Unternehmen schaffen den Sprung zur Skalierung und zum nachhaltigen Wachstum in Österreich nicht.
Gründe dafür sind komplexe regulatorische Vorgaben, lange Genehmigungsprozesse, aufwendige Vertragsverhandlungen und ein hoher administrativer Aufwand. Darüber hinaus erhöht die Präzisionsmedizin den Kostendruck im Gesundheitswesen.
Klinische Studien als Standortfaktor
Wie wettbewerbsfähig ein Forschungsstandort ist, zeigt sich besonders bei klinischen Studien. Hier punkten Länder mit effizienten Genehmigungsverfahren, einer leistungsfähigen Forschungsinfrastruktur, attraktiven Finanzierungsmöglichkeiten und der Fähigkeit, ausreichend Studienteilnehmende zu rekrutieren. Österreich hat in den vergangenen Jahren gegenüber den USA und China, aber auch gegenüber europäischen Ländern wie Spanien, den Niederlanden und Frankreich an Boden verloren.
Zwischen 2021 und 2024 ist die Zahl der klinischen Studien hierzulande um rund 30 Prozent zurückgegangen. Das ist ein Warnsignal: Denn klinische Studien ermöglichen Patient:innen einen frühen Zugang zu innovativen Therapien und stärken gleichzeitig den Forschungsstandort.
Zugang zu Innovationen sichern
Roche Austria Medical Director Andrea Maier sieht mehrere Ursachen für den Rückgang: Hohe Kosten, ein vergleichsweise kleiner Patientenpool, lange Start-up-Zeiten, langwierige Vertragsverhandlungen und regulatorische Hürden erschweren die Durchführung klinischer Studien. Verbesserungspotenzial ortet sie vor allem in einer effizienteren Gestaltung von Prozessen und Abläufen.
Für Meinhard Lukas, Geschäftsführer des Kepler Universitätsklinikums in Linz, besteht die zentrale Herausforderung darin, den Zugang zu innovativen Medikamenten und gleichzeitig die Finanzierbarkeit des solidarischen Gesundheitssystems sicherzustellen.
Klares Bekenntnis zum Forschungsstandort
Damit Österreich seine Position als internationaler Forschungsstandort behaupten kann, braucht es mehr als wissenschaftliche Spitzenleistungen. Notwendig sind verlässliche politische Rahmenbedingungen, schnellere Prozesse und ein klares Bekenntnis zur klinischen Forschung und pharmazeutischen Innovation.
Alexander Mülhaupt unterstreicht die strategische Dimension dieser Debatte deutlich: „Gesundheitsdaten und klinische Forschung sind keine reinen Verwaltungsfragen. Sie sind die strategische Infrastruktur für die technologische Souveränität, medizinische Qualität und wirtschaftliche Resilienz Österreichs.“
„Wir brauchen eine Life-Science-Strategie, die sicherstellt, dass Innovationen bei Patientinnen und Patienten ankommen“, fordert Michaela Fritz, Vizerektorin für Forschung und Innovation an der Meduni Wien.
Denn am Ende des Tages entscheidet sich der Erfolg medizinischer Innovation nicht allein im Labor, sondern daran, ob neue Therapien Patient:innen rasch und nachhaltig erreichen.
Der Inhalt des Beitrags stützt sich auf die Veranstaltung im Wiener Josephinum „Innovation im Fokus: Die Zukunft des Forschungsstandortes Österreich“.