PRAEVENIRE Lunchdialog: Werte in der Gesundheit

Von Mag. Fabian Frühstück | Juni 2016 | Periskop Ausgabe 69

Seit Jahren beschäftigt die Frage nach der Sicherheit und dem Wert der eigenen Daten die Menschen und die Medienlandschaft weltweit. Wenn man im Gesundheitswesen von Big Data spricht, werden oft die vielen Möglichkeiten, Chancen und Vorteile einer großen medizinischen Datenbank in den Vordergrund gestellt. Da diese Menge an Informationen aber immer von Menschen bzw. Patienten generiert wird, sind die Würde und der Wert des Einzelnen in dieser komplexen Big-Data-Diskussion von großer Bedeutung. Univ.-Prof. Dr. Dr. Matthias Beck und Univ.-Prof. Dr. Walter Berger diskutierten unter Moderation des Big-Data-Experten Prof. Dr. Reinhard Riedl bei einem Lunchdialog im Rahmen des diesjährigen PRAEVENIRE Gesundheitsforums über das Zusammenspiel von Big Data, Gesundheit und der geistigen Ebene in diesem Konstrukt.

Die technischen Möglichkeiten der Medizin sind im letzten Jahrzehnt durch große Fortschritte gekennzeichnet. Neue Therapiemöglichkeiten, weltweite Vernetzung, riesige Datenbanken und Roboter unterstützen Ärzte und Wissenschaftler täglich bei der Arbeit. Der Wert dieser Errungenschaften im medizinischen Bereich ist unumstritten. Fragt man jedoch gezielt nach den Werten in der Gesundheit, unterscheiden sich die Zugänge und die Vorstellungen darüber beträchtlich. Für Univ.-Prof. Dr. Dr. Matthias Beck, Universitätsprofessor für Moraltheologie am Institut für Systematische Theologie und Ethik an der Medizinischen Universität Wien, gibt es zwei Zugänge zu dieser Thematik. Neben der philosophischen Betrachtung ist die religiöse Ebene für Beck eine wichtige Dimension der Wertefrage. Die Menschenwürde ist laut Prof. Beck mehr als nur ein Wert, denn sie unterscheidet den Menschen vom Tier. Die Grundvoraussetzung sei eine Hierarchie in Bezug auf Pflanzenwelt, Tiere und Menschen. „Wenn ein Glas am Boden zerbricht, ist dieses ersetzbar. Wenn ein Kind vom Wickeltisch fällt und stirbt, dann wäre es äußerst zynisch, wenn man als Arzt den Eltern rät, einfach ein neues zu zeugen. Der Mensch fällt also aus den Bewertungskategorien heraus. Er ist einmalig. Man sagt in der Gesellschaft immer, dass jeder leicht ersetzbar sei. Ersetzbar ist jedoch nur die Position. Die Person Vater oder Mutter, Bruder oder Schwester, Freund oder Freundin und Mann oder Frau ist unersetzbar“, so Beck über den Wert des Menschen.

Für Univ.-Prof. Dr. Walter Berger, Leiter der Forschungsgruppe Angewandte und Experimentelle Onkologie am Institut für Krebsforschung der Medizinischen Universität Wien, lassen sich Werte für einen Wissenschaftler in drei Kategorien einordnen. Neben den komplexen Messwerten nannte Berger den Wert der Gesundheit sowie den Wert eines jeden einzelnen Menschen. Er stellte fest: „Je komplexer die Messwerte und die Daten eines Patienten werden, desto eher gerät man in Versuchung, den Menschen zu kategorisieren.“ Es sei jedoch wichtig, dass man auch als Wissenschaftler jeden Menschen als Individuum und als Welt in sich sehe, die weit über die jeweilige genetische Signatur seiner Erkrankung hinausgehe.

Prof. Dr. Reinhard Riedl, Wissenschaftlicher Leiter des Fachbereichs Wirtschaft der Berner Fachhochschule, ergänzte die Statements zum technischen Fortschritt und skizzierte die ökonomische Sicht auf Werte. Er fragte die Experten, inwiefern einzelne Menschen Gesundheit bewerten und wie sich diese Bewertung mit dem Fortschritt der Vernetzung und Daten in Einklang bringen lässt.

Laut Prof. Beck ist Gesundheit niemals nur schwarz oder weiß, sondern eine ständige Auseinandersetzung mit der Welt, in der wir uns gerade bewegen. Big Data würde zwar ständig Erkenntnisse sammeln, nur stelle sich die Frage, ob immer mehr Erkenntnisse nicht automatisch immer mehr Verwirrung bedeuten. Als Philosoph und Theologe betrachtet Beck den Menschen generell als dreidimensionales Bild: Neben der naturwissenschaftlichen Sicht sind der psychologische Ansatz und die geistige Dimension für ihn von großer Bedeutung. Schlussendlich unterscheide der geistige Zustand den Menschen von anderen Lebewesen.

In der Forschung sei, so Prof. Berger, Big Data mittlerweile ein wichtiges Tool, welches trotz der oft unüberschaubaren Datenmengen heute unverzichtbar sei. „Im wissenschaftlichen Bereich hat die geistige Ebene auf den ersten Blick nicht sehr viel Relevanz. Wir forschen und kämpfen jeden Tag gegen Krebs. In diesem Kampf wird auf jede Form der Hilfe zurückgegriffen, die sich uns bietet. Big Data hilft uns bei unseren Projekten. Speziell bei verschiedenen Tumorarten, die jeweils auf eine andere Art und Weise behandelt werden müssen. Hier ist eine große Datenbank mit vielen Informationen von unglaublichem Wert. Trotzdem verstehe ich das Unbehagen. Wir irren oft durch Datenmengen, die auf den ersten Blick undurchschaubar und zu komplex wirken. Computer und Programme erleichtern uns die Forschung, sind aber, wie auch im privaten Nutzungsbereich, fehleranfällig“, so Prof. Berger über die Anwendung von Big Data in der Praxis der Krebsforschung.

Durch die Informationsflut im Internet ist es heute für jeden Laien leicht, sich vor dem Arztbesuch über Symptome zu informieren und bereits vor einer Untersuchung eigene Diagnosen zu stellen. Ärzte sehen sich mehr und mehr mit gut informierten Patienten konfrontiert, die medizinisches Halbwissen aus dem Internet beziehen. Hier stellt sich natürlich die Frage nach den Quellen und der Qualität dieser Daten. Die Experten beim Lunchdialog sind sich einig, dass für Patienten oft weniger Wissen von Vorteil sein kann. Es sei die Aufgabe des Arztes, die Patienten aufzuklären, sie jedoch nicht zu überfordern. Wichtige Aspekte sollen ihnen in der Praxis verständlich nähergebracht werden. Außerdem seien sehr aufgeklärte und informierte Menschen leider auch oft äußerst leichtsinnig, wenn es um den eigenen Lebensstil gehe – Stichwort Rauchen und falsche Ernährung. „Die Qualität und die Nutzung der Daten ist in den letzten Jahren bestimmt viel besser geworden. Der Fortschritt entwickelt sich unaufhaltsam nach vorne, neue Möglichkeiten der Kategorisierung entstehen ununterbrochen. Was mich jedoch immer wieder aufs Neue fasziniert, ist, dass viele Menschen nichts mit dem gewonnenen Wissen oder dem Bewusstsein anfangen. Nehmen wir beispielsweise das Rauchen oder die abschreckenden Fotos auf den Zigarettenpackungen. Ich glaube, dass die einzig sinnvolle Lösung weg von Warnungen und hin zu einem positiven Wert führt. Der mahnende Zeigefinger nützt in vielen Bereichen der Gesundheit nichts. Speziell die jüngere Generation muss an die Hand genommen werden. Die Vorteile des Nichtrauchens müssen aufgezeigt werden. Rauchen muss uncool werden, das ist meiner Meinung nach der richtige Weg“, so Prof. Berger über die Nutzung der Informationsvielfalt in Bezug auf die persönliche Anwendung des Informationsstands. 

Die generelle Aufklärungsarbeit zu einem gesunden Lebenswandel müsse laut Prof. Beck nicht erst über das Internet, sondern bereits in der Schule, transdisziplinär, beginnen. „Nicht nur das Rauchen, auch das Übergewicht ist ein großer Risikofaktor unserer und der nächsten Generation. Hier muss bereits früh in der Schule angesetzt werden. Nicht nur durch Awareness. Die Thematik sollte auch in den Biologie- oder den Philosophieunterricht eingebunden werden. Bildung ist hier das Wichtigste. Körper und Geist sind Zahnräder, die ineinandergreifen. Geisteswissenschaftliche Zugänge müssen in den Schulunterricht miteinbezogen werden und mit den naturwissenschaftlichen Fächern transdisziplinär zusammenspielen. Big Data hat Berechtigung in der Medizin, jedoch ist die richtige Interpretation dieser Daten von großer Bedeutung. Relevante Datenmengen nützen uns nichts, wenn diese Informationen nicht ausgewertet und weiterverarbeitet werden können“, so Prof. Beck über die Aufklärungsarbeit und Interpretation von Big Data. Abschließend waren sich beide Experten darüber einig, dass die Forschung, kombiniert mit Big Data und Einflüssen aus der Philosophie und der Theologie, für Patienten von großem Mehrwert sein können und die genannten Faktoren einander nicht ausgrenzen sollten.

Prof. Dr. Reinhard Riedl

studierte Technik an der Johannes-Kepler-Universität Linz und promovierte in Mathematik an der Universität Zürich. Nach Vertretungsprofessuren für Hochleistungsrechnen (Universität Rostock) und für Kommunikation und Verteilte Systeme (Universität Zürich) übernahm er 2006 eine Forschungsprofessur für E-Government an der Berner Fachhochschule (BFH). Seit 2014 ist er wissenschaftlicher Leiter des Fachbereichs Wirtschaft der BFH und seit 2016 Leiter des BFH-Zentrums „Digital Society“, an dem Sozialwissenschaftler, Ingenieure, Geisteswissenschaftler und Künstler mit Spezialisten aus den Bereichen Politik und Recht, Stadtentwicklung, soziale Arbeit und Gesundheit gemeinsam transdisziplinäre Forschungsthemen verfolgen.

Univ.-Prof. Dr. Walter Berger

wurde 1963 in Reichraming in Oberösterreich geboren. Nach Abschluss seines Biologie- und Germanistikstudiums war er drei Jahre als Projektmanager bei Hoechst Austria tätig. Sein Interesse an der Wissenschaft veranlasste ihn dazu, in die Forschung zurückzukehren und am Institut für Krebsforschung seine Doktorarbeit zu verfassen. Nach einem Forschungsaufenthalt an der Universität Cambridge, UK, habilitierte er sich 2001 an der Universität Wien zum Thema Therapieresistenz in der Onkologie. 2010 wurde Berger die stellvertretende Leitung des Instituts für Krebsforschung an der Klinik für Innere Medizin I, 2013 der Lehrstuhl für Angewandte und Experimentelle Onkologie der MedUni Wien übertragen. Darüber hinaus ist Berger aktives Mitglied des Comprehensive Cancer Centers der MedUni Wien und des AKH Wien.

Univ.-Prof. Dr. Dr. Matthias Beck

wurde 1956 in Hannover geboren und studierte von 1976 -1981 Pharmazie an der Universität Münster. Nach seinem Studium der Humanmedizin und einem Auslandsaufenthalt am Medical College in Sringar (Indien) promovierte Beck 1988 zum Dr. med. in der Dermatologie. Neben mehreren Forschungsaufenthalten in den Vereinigten Staaten promovierte er 1999 zum Dr. theol. und habilitierte sich im Jahr 2007 im Fach der Moraltheologie mit dem Schwerpunkt Medizinethik an der Universität Wien. Seit März 2007 arbeitet Univ.-Prof. Dr. Dr. Matthias Beck als Universitätsprofessor für Moraltheologie am Institut für Systematische Theologie und Ethik der Medizinischen Universität Wien. Darüber hinaus ist Beck unter anderem Mitglied der österreichischen Bioethikkommission beim Bundeskanzleramt und wissenschaftlicher Beirat im österreichischen Gentechnikprojekt GenAu.

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