Innovation und ihr Wert im Gesundheitssystem

Von Maximilian Kunz, MAS, MBA | April 2016 | Periskop Ausgabe 68

Ausgelöst durch die angespannte finanzielle Lage steigt der Druck im heimischen Gesundheitssystem, mit den vorhandenen Mitteln wirtschaftlich umzugehen. Insbesondere im Zusammenhang mit der Zulassung neuer Produkte und Verfahren stellt sich die Frage nach dem Gegenwert für fi nanzielle Ressourcen, die mit der Zulassung und der anschließenden Nutzung der Innovation verbunden sind. So zieht sich der Wertebegriff durch das gesamte Gesundheitssystem und nimmt dort zweifelsfrei einen besonderen Stellenwert ein. Welchen Stellenwert Innovation per se darin hat bzw. haben soll, war Thema eines Dialogs zwischen dem Generaldirektor der Niederösterreichischen Gebietskrankenkasse (NÖGKK), Mag. Jan Pazourek, und dem Market Access Director von Roche Austria, Dr. Klaus Schuster.

Wie sich Innovation in unserem Gesundheitswesen widerspiegelt, liegt naturgemäß im Auge des Betrachters. Unbestritten ist, dass ihr Wert enorme Bedeutung für das Wirtschaftsleben und das Gesundheitssystem hat. Nicht zuletzt deshalb war der kontroversielle Dialog zwischen den hochrangigen Vertretern aus Pharmabranche und Sozialversicherung besonders spannend. Dabei war rasch klar, dass Begriffe wie Innovation und Wert im Gesundheitswesen von den verschiedenen Seiten unterschiedlich interpretiert werden. Mag. Jan Pazourek, Generaldirektor der Niederösterreichischen Gebietskrankenkasse (NÖGKK), formulierte seinen Standpunkt anhand dreier Thesen: Mit der ersten merkte er an, dass Pharmainnovationen vom Steuer- und Beitragszahler doppelt bezahlt werden würden. Einerseits im Bereich der Forschung, andererseits im Rahmen der Preise an der Tara. Prompt folgte eine Zwischenmeldung aus dem Auditorium, wonach lediglich die Grundkosten, also Struktur- und Personalkosten, aus dem öffentlichen Budget kämen, die Forschungskosten selbst aber nicht. 

Nach der zweiten These investiere die öffentliche Hand viel in Forschung, Pharmaunternehmen seien aber eher zurückhaltend. Dr. Klaus Schuster, Market Access Director von Roche Austria, ließ diesen Vorwurf nicht auf sich sitzen und äußerte prompt den Einwand, dass „die Kette der Innovation bei der Grundlagenforschung beginnt und bestenfalls beim Patienten endet“. Demnach würden die ganzen Entwicklungsinvestitionen erst helfen, wenn das Ergebnis beim Patienten ankomme. Bis ins Gesundheitssystem bzw. zur Marktzulassung schaffe es seiner Ausführung nach aber nicht jeder Innovationsversuch. Die Entwicklung eines Medikaments bis zur Zulassung koste derzeit 1,1 Milliarden Euro und die Industrie müsse alle vorangegangenen Bemühungen und Investitionen finanzieren. „2015 erreichten die Investitionen in F&E erstmals mehr als drei Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Von diesen stammen, quer über alle Sektoren, gut zwei Drittel aus dem Unternehmensbereich und nur ein Drittel aus öffentlicher Hand“, so Schuster weiter. 

Ein Vergleich mit den F&E-Ausgaben anderer Industriesparten war die Folge. So regte Pazourek an, dass die Dynamik der Aufwendungen der österreichischen Pharmaindustrie untertourig sei. Pazourek gab an, dass in elf Jahren, zwischen 2002 und 2013, die Ausgaben für F&E in der Pharmabranche um 99 Prozent gestiegen seien. Demgegenüber seien es für alle heimischen Unternehmen in Summe 117 Prozent gewesen. Pazourek äußerte daher den dringenden Wunsch, dass sich entsprechende Unternehmen auch im Forschungs- und Entwicklungsbereich noch mehr an der Wertschöpfung beteiligen. Schuster argumentierte mit den absoluten Investitionen der Pharmaindustrie in F&E, da diese andere Branchen weit überrage. Im Jahr 2013 betrugen die Ausgaben für F&E bei pharmazeutischen Erzeugnissen 284 Millionen Euro.

Die letzte These beschäftigte sich mit dem Thema Pseudoinnovation. Geht es nach Pazourek, liefern viele neue Produkte nur einen geringen Zusatznutzen, belasten aber mit deutlich höheren Kosten das Budget. Schuster stellte im Anschluss dar, dass viele kleine Schritte über die Zeit eine sichtbare Veränderung bedingen und brachte als Beispiel die deutlichen Steigerungen der Fünfjahresüberlebensraten bei Krebs. Darin sieht er einen klaren Verdienst der Investitionen in F&E sowie des permanenten Innovationsbestrebens der Pharmaindustrie. Zusätzlich führte er an, dass beispielsweise sein Arbeitgeber auf der WHO-Liste der unentbehrlichen Medikamente (Model List of Essential Medicines) mit 29 Präparaten gelistet sei. „Darauf können wir stolz sein und das bestätigt unsere umfassende Investitionsstrategie“, so Schuster, der auch die Entwicklungen im Bereich der personalisierten Medizin ansprach, wonach man nicht mehr nur statistische Gruppen behandeln könne, sondern durch die personalisierte Medizin große Fortschritte mache. 

Einigkeit herrschte darüber, dass F&E in Österreich weiter gefördert bzw. forciert gehöre. Beide unterstrichen die Bedeutung der Fokussierung auf Forschungsschwerpunkte und die Reduktion der derzeit vorherrschenden Fragmentierung in der Forschungslandschaft in Österreich. Pazourek dazu: „Österreich hat tolle Voraussetzungen für einen potenten Forschungssektor. Die öffentliche Hand investiert viel und gibt ihr Bestes zur Optimierung der Rahmenbedingungen.“ Auch Schuster bekräftigte die große Bedeutung von F&E: „Entsprechende Investitionen haben den Menschen in den letzten Jahren entscheidende Vorteile bei der Behandlung von Krankheiten gebracht. Während wir in den 80er-Jahren hauptsächlich die Sterblichkeit von Krebs diskutierten, sprechen wir jetzt von zum Teil großartigen Überlebensraten.“ Abschließend appellierten beide an die Zuhörer: „Die Stärke des österreichischen Gesundheitswesens ist es, hundertprozentigen Zugang zu innovativen Therapien und Produkten zu ermöglichen. Innovation schafft Möglichkeiten bei verschiedensten Erkrankungen, erhöht die Lebensqualität der Betroffenen und gibt neue Hoffnung“, so Pazourek und Schuster unisono.

Mag. Dr. Klaus Schuster

ist ausgebildeter Konzertpianist, Musikpädagoge, Allgemeinmediziner sowie Internist mit Additivfach Nephrologie. Als Facharzt hat er jahrelange klinische Erfahrung im intra- und extramuralen Bereich. Von 2008 bis 2013 war er Regionalmanager der Region Mostviertel für die Krankenhäuser der NÖ Landeskliniken-Holding, 2013 bis 2014 stellvertretender Geschäftsführer des NÖGUS, Koordinator des Landes NÖ zum Landeszielsteuerungsvertrag, Mitglied des Landessanitätsrats sowie Mitglied in mehreren Bundesarbeitsgruppen zur Zielsteuerung Gesundheit. Seit Jänner 2015 ist Schuster Market Access Director bei der Roche Austria GmbH.

Mag. Jan Pazourek

ist seit September 2011 Generaldirektor der Niederösterreichischen Gebietskrankenkasse (NÖGKK). Zuvor war er viele Jahre Projektleiter am Österreichischen Bundesinstitut für Gesundheitswesen und ist unter anderem Mitautor des ersten Österreichischen Krankenanstaltenplans. Danach wurde er in das Kabinett der Bundesministerin für Arbeit, Gesundheit und Soziales berufen, wo er mehrere Jahre für den Gesundheitsbereich zuständig war. In seiner Verantwortung lag vor allem die Umsetzung der neuen leistungsorientierten Krankenanstaltenfinanzierung ab 1997. Er hat eine Tochter und lebt in Niederösterreich.

Innovation und ihr Wert im Gesundheitssystem - Zur Sache:

Unter dem Titel „Im Würgegriff der Industrie …?“ habe ich mich im letzten PERISKOP mit den polarisierenden Inhalten von Karl Lauterbachs Buch „Die Krebsindustrie“ beschäftigt. Dabei habe ich auch auf das Gespräch im Rahmen des PRAEVENIRE Gesundheitsforums zwischen Mag. Jan Pazourek, Generaldirektor der NÖGKK, und Dr. Klaus Schuster, Market Access Director von Roche Austria, zum Thema „Innovation und ihr Wert im Gesundheitssystem“ hingewiesen.

Die Medien berichten gerne über Fortschritte in der Krebsbehandlung, neuartige Therapien und innovative Krankheitsbewältigungsmethoden. Mit gutem Grund: Innovation und deren Wert haben für unser Gesundheitssystem – speziell in der Onkologie – große Relevanz. Das gilt nicht nur für den Patienten, der durch effektive Therapien an Lebenszeit gewinnen bzw. seine Krankheit gar besiegen kann. Es trifft auch auf das gesamte Gesundheitswesen inkl. Industrie zu. Denn in einem dynamischen Markt wird der stetige Fortschritt immer wichtiger, aber auch herausfordernder. 

Durch verbesserte Diagnose und Behandlung, besseres Screening und Fortschritte in der Chirurgie sowie Radioonkologie steigt die Lebenserwartung Krebskranker. In Österreich ist die Mortalitätsrate seit 1990 um 22 Prozent gesunken. Parallel sind die Fünf-Jahres-Überlebensraten in den letzten 20 Jahren stetig gestiegen. Zeitgleich mit der Lebenserwartung steigen auch die finanziellen Aufwendungen sowie die indirekten Kosten – etwa durch Arbeitsausfälle. Doch gilt es zu bedenken, dass eine höhere Lebenserwartung auch längere Arbeitsfähigkeit ermöglicht – wenn der Erkrankte wieder gesund ist. Dass sich auch die Lebensqualität der Patienten dann verbessert, liegt auf der Hand.

Die These, die Pharmaindustrie sei aufgrund ansteigender Medikamentenpreise verantwortlich für die hohen Gesundheitsausgaben, ist laut Schuster nicht richtig. Der Medikamentenanteil an den Gesundheitsausgaben liegt in den letzten Jahren recht stabil um die zwölf Prozent – Spitalsmedikamente ausgenommen. Zudem prüft der Hauptverband bei jedem Medikament die Wirtschaftlichkeit und wählt aus mehreren geeigneten Produkten das ökonomisch günstigste. Die Diskutanten waren sich einig, dass Österreich vielmehr ein strukturelles Problem mit hohen Kosten für den im internationalen Vergleich sehr dominanten Spitalsbereich hat.

Die von Lauterbach postulierte rein von Profitgier getriebene Kehrtwende von Herz-Kreislauf-Erkrankungen hin zur Onkologie sieht eher nach Polemik aus. Da Krebs nach Herz-Kreislauf-Erkrankungen in Österreich die häufigste Todesursache ist, machen entsprechende Investitionen durchaus Sinn. Bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen besteht kein so notwendiger Bedarf an neuen Medikamenten. Auch gibt es hier die Möglichkeit chirurgischer Eingriffe wie Stents, Herzschrittmacher oder gar Transplantate – Optionen, die in der Onkologie fehlen. Mit den heute verfügbaren Medikamenten und Therapieoptionen bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen kann man so mutig sein und festhalten, dass wir hier als oberstes Ziel nicht die Entwicklung neuer Medikamente brauchen, sondern einen adhärenten Patienten. In der Onkologie ist das anders.

Wie Schuster richtig anmerkte, beginnt die Kette der Innovationen in der Grundlagenforschung und endet im Idealfall beim Patienten. Die durchschnittlichen Kosten der Entwicklung eines neuen Präparats liegen bei 1,1 Milliarden Euro. Sie entstehen u. a. durch die hohen Dokumentations- und Sicherheitsanforderungen an klinische Prüfungen sowie die erforderliche Zahl an Studienteilnehmern. Nicht zu vergessen die Kosten der vielen Forschungsprojekte, die es – etwa mangels Zulassung – nicht ins Gesundheitssystem schaffen.

Die Stärke des heimischen Gesundheitswesens – hier sind sich Pazourek und Schuster einig – liegt darin, dass die ganze Bevölkerung Zugang zu innovativen Therapien und Produkten hat. In der gesamten Prozesskette. Der frühe Zugang der Patienten zu klinischen Studien und modernsten Wirkstoffen erhöht deren Heilungschancen. Rund ein Drittel aller klinischen Prüfungen wird in der Onkologie durchgeführt. Damit ist diese in Österreich das am intensivsten beforschte Gebiet der Pharmaindustrie. Demnach brauchen wir eine funktionierende Pharmawirtschaft und Einkäufer, die kritisch mit den verfügbaren Ressourcen umgehen. Beide Seiten müssen verantwortungsvoll und wirtschaftlich agieren und sich permanent miteinander austauschen.

Herzlichst,
Ihr Nestor

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