Zukunftsforum Onkologie: Onkologie in Österreich – Zukunft beginnt jetzt

Von Andrea Gesierich, MA, und DI (FH) Marie-Christine Bösendorfer, MA | August 2015 | Periskop Ausgabe 64

Aktuelle Untersuchungen bestätigen: Österreich zählt zu den Ländern mit der weltweit besten Versorgung von Krebserkrankungen: In kaum einem anderen Land haben onkologische Patienten so raschen und niederschwelligen Zugang zu effektiven und innovativen Therapien und fast nirgends sind die Überlebensraten höher als bei uns! Eine interdisziplinär zusammengesetzte Expertengruppe hat sich in den letzten Monaten aus ethischer, ökonomischer und struktureller Perspektive mit der Frage befasst, wie dieser hohe Standard auch in Zukunft gehalten und nach Möglichkeit noch weiter ausgebaut werden kann. Antworten darauf werden in Form strategischer Empfehlungen gegeben und als Chancen definiert.

Das Chancenpapier „Weichen stellen für die Zukunft“ wurde vom „Zukunftsforum Onkologie“, einer interdisziplinären und multiprofessionellen Expertengruppe, erarbeitet. Finanziell unterstützt wurde das Projekt von Roche Austria GmbH. Das „Zukunftsforum Onkologie“ gliederte sich in drei Arbeitsausschüsse. Diese haben sich dem Thema „Chancen für eine patientenorientierte Krebsversorgung in Österreich“ auf drei unterschiedlichen Ebenen gewidmet: einer medizinisch-ethischen Perspektive, einer strukturellen Perspektive und einer gesundheitsökonomischen Perspektive. 

Geleitet wurden die Arbeitsausschüsse vom ehemaligen Wiener Stadtrat und Gründer der Patientenanwaltschaft und des KAV, Wien, Dr. Sepp Rieder (Struktur), Dr. Thomas Czypionka vom Institut für Höhere Studien in Wien (Ökonomie) und Univ.- Prof. DDr. Mag. Matthias Beck, Professor für Moraltheologie mit dem Schwerpunkt für Medizinethik (medizinische Ethik). In mehreren Sitzungen wurden die aktuellen und künftigen Herausforderungen, die eine umfassende Krebsversorgung mit sich bringt, besprochen. Anschließend wurden die Themen gebündelt und in einem Chancenpapier zusammengefasst. Die Publikation des Expertenpapiers soll im August 2015 bei einem Gipfelgespräch auf der Schafalm in Alpbach erfolgen – vorab möchten wir hier die zentralen Punkte vorstellen: 

Jährlich erkranken hierzulande etwa 39.000 Menschen an Krebs. Laut einer Studie von Statistik Austria 2012 rangieren Todesfälle aufgrund von Krebs bereits nach den Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Mit 26 Prozent sind Krebserkrankungen die zweithäufigste Todesursache in Österreich. Angesichts der Tatsache, dass diese mehrheitlich im höheren Alter auftreten, wird deren Bedeutung bei der Beschreibung des Gesundheitszustands und der Planung der Gesundheitsversorgung wegen der zunehmenden Alterung der Bevölkerung auch in Zukunft weiter zunehmen.

Dass Österreich hinsichtlich Innovation und Zugang zu Therapiemöglichkeiten im onkologischen Bereich weltweit zu den besten Ländern gehört, liegt nicht zuletzt daran, dass rund ein Drittel aller klinischen Prüfungen hierzulande in der Onkologie durchgeführt wird. Damit ist die Onkologie das meistbeforschte Krankheitssegment in Österreich. Das spiegelt sich auch in wichtigen klinischen Messgrößen wider. So ist unser Land im europäischen Vergleich unter den Top-5-Ländern mit den längsten Überlebensraten bei Krebs. Österreich hat sich im internationalen Vergleich eine gute Position in der Onkologie im Hinblick auf Überlebensraten und schnellen Marktzugang zu neuen Therapien erarbeitet. Um die Qualität bei Krebsbehandlungen auch weiterhin sicherzustellen bzw. um sich stärker vom Innovation-Follower zum Innovation- Leader zu entwickeln, gilt es jedoch, vermehrt sowohl in Forschung als auch in innovative Technologien zu investieren.

  • Krebs verstehen: Gesund bleiben und gesund werden hat auch mit Wissen und Kenntnis zu tun. Der sorgsame Umgang mit der persönlichen Gesundheit sowie die damit verbundene Selbst- oder Eigenverantwortung sind im Gesundheitsdenken der Österreicher nicht ausreichend verankert. Im Chancenpapier wurden Ansätze erarbeitet, um die Rahmenbedingungen für mehr Eigenverantwortlichkeit weiter zu optimieren. Es beschäftigt sich neben der Wichtigkeit des Lebensstils auch mit dem Thema Big Data und dem darin liegenden enormen Potenzial hinsichtlich der Verbesserung der Behandlungsqualität, der Transparenz der Ergebnisse und gleichzeitiger Einhaltung des Schutzes der Privatsphäre.
  • Fokus Individuum: Jede Krebserkrankung ist individuell. Ebenso individuell sollte die gesundheitliche Versorgung des Patienten sein. Wohnortnahe Beratung und Betreuung, auch für Angehörige, ist in dieser Phase essenziell. Im Alltag werden Krebspatienten zwar rasch durch das medizinische System „geschleust“, nach Diagnose und Therapiestart aber immer wieder stückweise alleingelassen. Eine Kombination aus mobiler und umfassender Pflege und/oder Beratung, die Patienten und Angehörige nach dem Krankenhausaufenthalt bei Bedarf begleitet, wäre ideal. Regional ist daher eine bessere Vernetzung zwischen Arzt und Beratungsstellen entscheidend, um eine lückenlose und optimale Betreuung gewährleisten zu können. Ein standardisiertes Nachsorge- und Unterstützungsprogramm mit einer qualitätsorientierten Leistungsvergütung ist eine große Chance, die bereits vorhandenen Aktivitäten in Österreich voranzutreiben sowie zu erweitern und zu optimieren.
  • Leben 2.0: Leben mit und nach dem Krebs. Dank diagnostischer und therapeutischer Fortschritte sind heute viele Krebserkrankungen gut behandelbar und weisen Charakteristika – ähnlich einer chronischen Erkrankung – auf. Wie bei chronischen Leiden muss für Krebspatienten langfristig eine umfassende und strukturierte Langzeitbetreuung entwickelt werden. Noch immer keine Lösung hat die Arbeitswelt für die Bedürfnisse jener Menschen gefunden, die zum Beispiel während oder nach den Behandlungszyklen prinzipiell arbeitsfähig, jedoch aufgrund der Erkrankung nicht voll einsatzfähig sind. Der Wunsch zu arbeiten ist bei Betroffenen meist vorhanden, für viele Unternehmen ist es aber derzeit finanziell nicht möglich bzw. fehlen Unterstützungsleistungen, um nur teilweise arbeitsfähige Menschen zu vollen Beschäftigungskosten wieder in den laufenden Betrieb zu integrieren. Als Chance werden hier neben einer integrierten Versorgung und einer verbesserten Kommunikation die Durchführung von beruflichen Reintegrationsversuchen festgehalten, um anhand von Pilotmodellen konkrete Umsetzungsschritte entwickeln zu können.
  • Hohe Lebensqualität: In Österreich ist ein würdevolles Leben mit Krebs möglich. Dieses hohe Qualitätsniveau gilt es künftig zu erhalten. Gerade bei der Frage, welche Behandlung zu welchem Zeitpunkt für den Patienten optimal ist, bedarf es einer qualitätsbewussten, ganzheitlichen Versorgung. Gemäß dem breiten und äußerst komplexen Spektrum an unterschiedlichen Erkrankungen gibt es zahlreiche Unterschiede hinsichtlich Versorgung und Therapiestrategien sowie direkter und indirekter Behandlungskosten. Zukünftig gilt es, noch mehr Transparenz und Zukunftsorientierung in der Ressourcenallokation, der gesundheitsökonomischen Gesamtbewertung von Leistungen oder Arzneimitteln und der Budgetplanung einfließen zu lassen, um eine vorausschauende, patientenorientierte Planung vollziehen zu können.
  • Vorsprung durch Fortschritt: Kein anderer medizinischer Sektor ist so stark von wissenschaftlichem Fortschritt geprägt wie die Onkologie. In den Bereichen Forschung, Struktur und Organisation bedarf es daher starker Netzwerke, um einen intensiven Austausch zwischen Grundlagenforschung, klinisch angewandter Forschung und deren Anwendung in der täglichen Praxis zu ermöglichen. Dabei sind sowohl enge Zusammenarbeit an den Schnittstellen als auch gut abgestimmte Kommunikation zwischen den einzelnen Bereichen essenziell. Neben der Förderung von translationalen Forschungsnetzwerken sollen auch bundesländerübergreifende Forschungsverbünde gegründet werden, um die Awareness für die Bedeutung onkologischer Forschung in Österreich zu steigern.
  • Netzwerk für die Versorgung: Ein kontinuierliches und nachhaltiges Netzwerk aufzubauen, das die erforderlichen Informationen rasch und unbürokratisch bei einer hauptverantwortlichen, therapieführenden Stelle, z. B. dem „fallführenden Arzt“ zusammenfließen lässt, ist eine große Herausforderung. Bündelung von Kompetenz und interdisziplinäre Zusammenarbeit sind, ebenso wie der verpflichtende Einsatz von Tumorboards, ein Anliegen des Zukunftsforums. Es muss sichergestellt sein, dass der Patient zielgerichtet einer qualifizierten, fachspezifischen Stelle zugeführt wird. Folglich ist zusätzlich zu dem bereits umschriebenen Forschungs- und Ausbildungsverbund ein Versorgungsverbund notwendig. Dieser soll auch die so wichtige Tumornachsorge nicht außer Acht lassen.

Das Chancenpapier „Weichen stellen für die Zukunft“ versteht sich als Expertenpapier, das für die Gesundheitspolitik konkrete Chancen für eine patientenorientierte Krebsversorgung in Österreich liefert. Die erarbeiteten Empfehlungen erheben nicht den Anspruch eines gesundheitspolitischen Strategiepapiers, wie es das Österreichische Krebsrahmenprogramm tut. Vielmehr soll es ergänzend Anregungen für den gesundheitspolitischen Diskurs liefern und Chancen aufzeigen, die kurz- bis mittelfristig Beachtung und Umsetzung finden können.

Gipfelgespräch in Alpbach

Rund um die Gesundheits- und Wirtschaftsgespräche des Europäischen Forums Alpbach 2015 wird – wie bereits im Jahr davor – mit der Schafalm als Rückzugsraum für offene Diskussionen eine gemeinsame Plattform geschaffen, um Meinungen zu teilen, Ideen zu entwickeln, Verbündete zu gewinnen. Das Gipfelgespräch zum Thema Onkologie findet unmittelbar vor den Gesundheitsgesprächen des Europäischen Forums Alpbach 2015 statt. Ziel der Veranstaltung ist es, das erarbeitete Chancenpapier des Zukunftsforums Onkologie zu präsentieren, zu diskutieren und das weitere Vorgehen gemeinsam mit Stakeholdern zu entwickeln. Durch Einbindung von Vertretern unterschiedlicher Fachrichtungen und Institutionen sollen im Rahmen dieses Hintergrundgesprächs Aufgaben und Ziele in der Onkologie für die kommenden Jahre diskutiert und weiterführende Strategien erarbeitet werden.

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