Big Data – riesiges Potenzial und Ungleichheitsrisiko

Von Prof. Dr. Reinhard Riedl | August 2015 | Periskop Ausgabe 64

Big Data heißt, implizit in Daten verborgene Informationen explizit machen und effektiv nutzen. Das ist fast überall möglich und wird deshalb die Welt verändern.
 

„Zwei Seelen wohnen, ach, in meiner Brust …“ Big Data ist eine riesige Chance, das eigene Handeln informationsorientierter zu gestalten. Das heißt: mehr auf Fakten zu setzen, bessere Entscheide zu treffen, bessere Produkte und Dienstleistungen zu entwickeln, generell vernünftiger zu handeln. Big Data birgt aber auch das Risiko, dass einzelne Akteure umfassendes Wissen über jeden von uns aufbauen, so die Stärken und Schwächen von jedermann transparent werden, die Ungleichheit in Form von „ungleich behandelt werden“ zunimmt und die Solidaritätsbereitschaft untergraben wird. Wir haben es also mit extrem entgegengesetzten Optionen zu tun: Die Chancen von Big Data können – wenn sie genutzt werden – zu großem Wirtschaftswachstum, mehr Jobs und viel höherer Lebensqualität für alle führen. Die Risiken können dagegen – wenn sie nicht vermieden werden – die Chancenungleichheit in der Gesellschaft fördern. Typisch österreichisch wäre es, angesichts der konträren Optionen abzuwarten. Das wäre GANZ FALSCH. Statt abzuwarten sollten wir forschen, viel in der Praxis experimentieren, Spezialisten und Führungskräfte ausbilden und die politischen Parteien informieren, damit rechtzeitig die Chancen gefördert und die Risiken vermieden werden können. Wichtig ist dabei das praktizierte Miteinander von Politik, Verwaltung, Wirtschaft, Wissenschaft und Zivilgesellschaft.

Welche Daten??

Als Daten für Big Data können alle Arten von digitalen Daten genutzt werden: Daten aus Datenbanken, digitale Messdaten, automatisierte und von Menschen durchgeführte digitale Aufzeichnungen von Geschäftsvorgängen und Aktivitäten, Daten aus dem Web, alles. Für die Datenverarbeitung gibt es ganz unterschiedliche Methoden. Im klassischen Big Data wird ein geschäftskritischer Parameter geschätzt, z. B. ein bestimmtes individuelles Gesundheitsrisiko. Im Freestyle-Big-Data wird nach Mustern gesucht, die kritische Zusammenhänge darstellen, z. B. Faktoren, deren Zusammenkommen einen Behandlungsfehler wahrscheinlich machen. Bei Big Data auf dem Graphen werden Daten unterschiedlicher Bedeutung integriert, z. B. unterschiedlich dokumentierte Krankheitsgeschichten. Wobei Computer nur einen Teil der Arbeit erledigen und auf die intelligente Mithilfe von menschlichen Experten angewiesen sind.

Welche Chancen??

Big Data stellt für fast alle Organisationen eine große Chance dar. Seien es Unternehmen, Behörden, NGOs, Internet-Communities oder Einzelpersonen. Wir alle können Big Data mit Gewinn in vielen Bereichen einsetzen. In der Medizin wird Big Data in Zukunft personalisierte Therapien und Präventionen unterstützen, die speziell auf die Gene und die Lebenssituation abgestimmt sind. Dies geschieht dadurch, dass ein möglichst umfassendes Patientenprofil mit den Profilen anderer Patienten verglichen wird und aus den Behandlungserfahrungen der anderen Patienten gelernt wird, was für den konkreten Patienten besonders gut oder nicht so gut ist. In der medizinischen Forschung wird Big Data die Datenbasis wesentlich vergrößern und neben vielem anderen ein Suchen nach Genen ermöglichen, die vor Erkrankungen schützen. Und so weiter. Die Entwicklung von Medikamenten wird ebenso profitieren wie die von medizinischen Geräten. Big Data wird auch zu einem besseren Systemverständnis im Gesundheitswesen führen. Davon werden unter anderem die operative Betriebspraxis in Spitälern, das Zusammenspiel aller Akteure rund um den Patienten und die Aus- und Weiterbildungspraxis profitieren und es wird möglich werden, viel effektivere Anreize als bisher auf individueller wie auf institutioneller Ebene zu setzen. Nicht zuletzt wird mit Big Data die Mittel- bis Langfristplanung in allen Bereichen des Gesundheitswesens auf eine viel bessere Faktenbasis gestellt werden.

Welche Risiken??

Big Data verlangt – und das ist die Hauptherausforderung – multidisziplinäre fachliche Fähigkeiten PLUS Kreativität PLUS Veränderungsbereitschaft, nämlich die Bereitschaft, informationsorientiert (d. h. faktenbasiert) zu handeln. Die fachlichen Fähigkeiten sind selten in einer Person vereint, in vielen Organisationen fehlen sie ganz. Es braucht deshalb Weiterbildung und Teamarbeit. Und es gilt: Je fähiger die Mitarbeitenden einer Organisation sind, desto mehr profitiert diese von Big Data. Das schafft Ungleichheit, ist aber nicht unfair. Problematisch ist etwas anderes: So nützlich die durch Big Data ermöglichte Personalisierung in vielen Bereichen ist, so konsequent kann sie auch zur Diskriminierung genutzt werden. Die aktuell verfolgten visionären Ziele sind u. a. Preisdiskriminierung im Handel (jeder zahlt, was einem ein Produkt wert ist), Preisdiskriminierung bei Versicherungen (jeder zahlt für sein individuelles Risiko, für dessen Berechnung er genau überwacht wird) und Risikobewertung bei Jobbewerbern (die Anstellung erfolgt abhängig davon, wie wahrscheinlich Krankheiten, Schwangerschaften, Familienprobleme etc. sind). Alle drei Vorhaben streben eine Erhöhung der Ungleichheit an und untergraben als Nebeneffekt die Solidaritätsbereitschaft, weil durch die Personalisierung jeder die Welt anders erlebt. So wird es immer schwieriger, die Befindlichkeit anderer Menschen zu verstehen, und gleichzeitig wird der Preis, den wir für Solidarität zahlen, immer berechenbarer.

Was tun??

Big Data wird von uns schon genutzt, z. B. wenn wir googeln. Nur auf unsere eigenen Datenbestände wenden wir es noch viel zu wenig an. Empfehlenswert ist, mit kleineren Projekten erste Erfahrungen zu sammeln und dabei den konkreten Nutzen über die umfassende Beherrschung der Analysemethodik zu stellen. Sinnvoll ist auch, in die praxisnahe Weiterbildung der Mitarbeitenden und ins strategische Grundverständnis in der Geschäftsleitung zu investieren und Partnerschaften einzugehen. Dabei sind sowohl Partner mit Big-Data-Expertise als auch Partner mit Daten interessant, denn durch das Zusammenlegen von Daten wird deren Wert für alle Beteiligten größer. Mittelfristig sollten Organisationen eine Datenstrategie formulieren, die definiert, welche Daten in welcher Qualität wo erzeugt oder beschafft und wie genutzt werden. Derzeit geht es zwar „nur“ darum, den brachliegenden Datenwert zu valorisieren, in Zukunft wird es aber darum gehen, bewusst Datenwerte aufzubauen!

Wie Gefahren vermeiden??

Big-Data-Evangelisten diverser Technologiekonzerne touren derzeit durch Europa, um Regulierungen zu verhindern. Und einige TTIP-Verhandler arbeiten nicht nur an der Abschaffung, sondern am expliziten Verbot von europäischem Datenschutz. Wir sollten darauf nicht mit Nichtstun reagieren, sondern mit einer engen Zusammenarbeit aller Akteure in Wirtschaft, Wissenschaft und Politik. Es ist Zeit, Big Data selber zu nutzen, denn Nachzügler holen selten auf und haben politisch wenig mitzureden!

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